Gründonnerstag, 1. April 2021

Bibeltext: Johannes 13, 1-5.12-34

            Vor dem Passafest erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. 

            Und nach dem Abendessen – als schon der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben hatte, dass er ihn verriete; Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging – da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.

            Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch. Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. Ein neues Gebot gebe ich euch, das ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.           

Lied: Meine engen Grenzen

1. Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite: Herr, erbarme dich.

2. Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich. Wandle sie in Stärke: Herr, erbarme dich.

4. Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat: Herr, erbarme dich.

 

Predigt (Misereor Hungertuch 2021/2022)

            Friede sei mit Euch und Gnade von dem, der da ist, der da war und der da kommt: Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

            Jesus wäscht seinen Jüngern an seinem letzten Abend vor seinem Tod die Füße. So erzählt es das Johannesevangelium - als ein Zeichen der Liebe, als ein Auftrag an seine Jünger. Wann achten wir schon auf unsere Füße? Doch erst wenn sie schmerzen. Das diesjährige Misereor Hungertuch stellt einen Fuß in den Mittelpunkt und bevor wir mehr darüber erfahren, lade ich ein, sich einmal seinen Füßen zuzuwenden. Wer kann, mag die Augen dabei schließen. Wir spüren, wo unsere Füße den Boden berühren. Wir spüren unsere Zehen auf dem Boden. Wir spüren unseren Fußballen auf dem Boden. Wir spüren unsere Ferse auf dem Boden. Wer kann, berühre nun nur mit den Außenkanten der Füße den Boden. Wie fühlt sich das an? Stabil oder wackelig? Berühren wir nun wieder mit der ganzen Fußfläche den Boden. Welchen Unterschied macht das?

            Was sehe ich auf dem Bild? Schwarze Wollfäden – in der Mitte chaotisch zusammen geknäuelt, gestaucht, unauflösbar. Viel Raum, helle Flächen mit dunkleren Flecken, immer wieder zarte Blumen… Die Farben: Weiß, Schwarz und Gold … Einen menschlichen Fuß, in der Mitte seltsam verdreht.

            Schon im Mittelalter hingen Hunger- oder Fastentücher während der Fastenzeit in den Kirchen. Die Tücher bildeten Geschichten aus der Bibel ab. Die meisten Menschen damals konnten nicht lesen, hatten so aber die biblischen Erzählungen vor Augen. Die Hungertücher waren sehr groß und verdeckten normalerweise auch den Altar. Die Menschen sollten so auch mit den Augen „fasten“ und den Altar und das Kreuz erst wieder an Ostern anschauen.

            Die katholische Organisation Misereor hat 1976 die Tradition der Hunger-tücher wieder aufgegriffen. Alle zwei Jahre wird ein neues Bild von Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika, Lateinamerika, Asien oder Europa gestaltet. Die heutigen Tücher laden in der Zeit vor Ostern dazu ein, über das Leiden Jesu Christi, unseren Glauben und unsere Verantwortung in der Welt nachzudenken.

            Das diesjährige Hungertuch von Lilian Moreno Sánchez aus Chile stellt einen Fuß dar. Der Titel lautet: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum – Die Kraft des Wandels“. Dieser Titel greift einen Vers aus Psalm 31,9 auf: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Die Künstlerin gestaltete das Bild in drei Teilen, einem Triptychon. Es wirkt wie ein dreiteiliges Puzzle, das erst zusammen ein Ganzes ergibt. Unsere Augen eilen von einer Stelle des Bildes zur nächsten und unser Gehirn versucht zu deuten, was dargestellt ist. Wir versuchen, uns zu orientieren. Die Künstlerin lädt uns ein, das Bild von rechts nach links zu lesen und damit dem Weg der Linien zu folgen. Wohin führen sie? Enden sie irgendwo? Sind die Linien zu entwirren?

         Mit schwungvollen Linien in Schwarz zeichnet uns die Künstlerin die Knochen eines Fußes nach. Im Bildteil rechts erkennt man die Umrisse der beiden Beinknochen. Im Mittelteil ist der Fuß seltsam verkrümmt. Im linken Bildteil deuten sich die Zehenspitzen an.

            Der menschliche Fuß ist ein geniales Kunstwerk. Es besteht aus nicht weniger als 26 Knochen, die durch mehr als 100 Muskeln, Sehnen und Bindegewebe gehalten und bewegt werden. So ermöglichen uns unsere Füße, aufrecht zu stehen und auf sehr unterschiedlichen Untergründen zu gehen. Verletzungen an unseren Füßen sind nicht nur sehr schmerzhaft, sie schränken uns erheblich ein. 

            So erging es dem oder der Unbekannten, dessen oder deren linker Fuß bei einer Demonstration im Oktober 2019 in Santiago de Chile mehrfach gebrochen und verdreht wurde. Die Proteste auf dem „Platz der Würde“ in Santiago de Chile richteten sich gegen die soziale Ausbeutung durch Großkonzerne. Fast 5000 Menschen wurden durch die Polizei verletzt, 26 kamen zu Tode, es gab schätzungsweise 7000 Verhaftungen. Im nahegelegenen Krankenhaus wurden die Verletzungen des Fußes im Röntgenbild festgehalten, das die Vorlage für das Hungertuch bildete. Wird sie, wird er jemals wieder stehen können? 

            Es ist kein unbedeutendes Wortspiel: Wieder stehen zu können, ermöglicht es, widerstehen zu können. Für Millionen von Menschen ist Widerstand die einzige Möglichkeit, aufzustehen gegen Unterdrückung und die Verletzung ihrer Menschenwürde. Das Bild der Künstlerin Lilian Moreno Sánchez mahnt mich, derjenigen Menschen zu gedenken, die den Mut zum Widerstand haben. Jesus selbst hat in dieser Nacht der Versuchung widerstanden, einfach wegzulaufen. Wo sollte ich widerstehen?

            In der Mitte laufen die schwarzen Linien wirr durcheinander. Dort sind die Knochen gebrochen. Wir sind verletzlich, brauchen Heilung. Die gelben Flecken sind Spuren von Öl, das auf die Wunde geträufelt wurde. Was bringt Heilung? Ein Impfstoff gegen Corona? Das Schweigen der Waffen? Frieden mit mir selbst?

            Das Hungertuch ist nicht auf einer weißen Leinwand gemalt, sondern auf echten, bereits gebrauchten Stoffen. Es ist Bettwäsche aus einem Krankenhaus und einem bayerischen Frauenkloster, in der bereits Menschen geschlafen haben und Kranke gesund geworden sind. Die Künstlerin weist damit auf die körperliche Heilung (Bettwäsche aus dem Krankenhaus) und auf die seelische Heilung (Bettwäsche aus dem Kloster) hin. Beides gehört zusammen und beides ist wichtig.

            Ein Stück Stoff - ein Tuch, das die Matratze eines Krankenhausbettes umspannt hat. Könnte das Laken erzählen, es wären hunderte von Geschichten: Von den Menschen und Maschinen, die dieses Gewebe hergestellt haben. Und gewiss auch von den Ängsten und Hoffnungen, die auf diesem Bettlaken aus dem Krankenhaus durchlebt und erlitten worden sind. Mir kommt die Frage: Aus welchem Stoff bin ich als Mensch? 

            Auf dem Hungertuch sehen wir graue, dunkle Flecken. Sie erinnern an den Ort, an dem der Mensch verletzt worden ist, dessen Fuß wir sehen. Die Künstlerin hat Erde und Staub vom „Platz der Würde“ in Santiago de Chile gesammelt und in den Stoff gerieben. Für das chilenische Volk war die Eskalation der Gewalt durch die Polizei im Herbst 2019 ein großer Schock. Die Menschen mussten erleben, dass ihre Würde in den Staub getreten wurde und ihre Grundrechte wie Asche im Wind verflogen. Auch Jesus war Gefangener, wurde misshandelt, lag im Staub als er das Kreuz trug. Und wir? Kennen wir das am Boden zerstört zu sein? Was hilft uns auf?        Da sind goldene Blumen und viele Goldfäden, welche die schwarzen Linien einrahmen und den Stoff zusammenhalten. Sie bilden eine goldfarbene Gemeinschaft, die das Hungertuch aufstrahlen lässt. Gold ist die Farbe Gottes, und damit auch die Farbe der Kinder Gottes, also von jeder und jedem von uns. Gold verweist auf die Würde, die wir als Menschen haben. Wir zählen zwölf Blumen auf dem Tuch. Das ist die Zahl, die Vollständigkeit, volle Gemeinschaft symbolisiert.

            Es ist besonders schlimm, auf sich allein angewiesen zu sein. Immer wieder in der Zeit der Corona-Pandemie mussten und müssen viele Menschen in Quarantäne. Viele litten oder leiden noch unter der Einsamkeit, besonders in den Altenheimen, den Wohngruppen von Menschen mit Behinderung und überall da, wo Menschen ganz alleine und ohne Hilfe leben.  

             Tatsächlich sind unsere Füße nicht nur für einen guten Stand verantwortlich, sie ermöglichen uns auch zu gehen, auf den anderen zuzugehen. An unseren Füßen sind Millionen von hochsensiblen Rezeptoren. Die Zehen sind besonders feinfühlig. Die Röntgenaufnahme zeigt, dass die Zehen dieses Fußes unverletzt geblieben sind. Die Künstlerin hat sie nachgezeichnet und ihnen eine stärkere Biegung gegeben. Ist das Absicht? Ausdruck von bleibender Beweglichkeit und Kraft? Durch die Eigenschaft der Zehen, sich beim Gehen durchzubiegen, wird unser Gang elastisch und die Füße ermüden nicht so schnell.

             „Auf Zehenspitzen gehen“ sagen wir, wenn wir einen leisen, behutsamen Vorgang meinen. Alles Große beginnt mit kleinen Schritten. Ich stelle mir Jesus vor, der konzentriert und gefasst in diese Nacht ging in dem Wissen, dass das, was nun geschieht, entscheidend ist. Ich stelle mir vor, wie wir achtsam, sozusagen „auf Zehenspitzen“ in diesen Abend gehen, offen für Gottes Botschaft. Ich sehe Hoffnung. Einen Weg, der im Dunkeln, ja auch im Schmerz beginnt, in dem aber viel Kraft und Heilung steckt. Amen.

            Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

(Bildbeschreibung und Informationen aus dem Material zum Hungertuch 2021/2022)

Predigt Gründonnerstag 1.4.2021
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Karfreitag, 2.4.2021

Bibeltext der Woche: 2. Korintherbrief 5,19-21

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

 

Lied der Woche: 94, 1-4 Das Kreuz ist aufgerichtet

1) Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet.

Dass er das Heil der Welt in diesem Zeichen gründe,

gibt sich für ihre Sünde der Schöpfer selber zum Entgelt.

2) Er wollte, dass die Erde zum Stern des Kreuzes werde,

und der am Kreuz verblich, der sollte wiederbringen,

die sonst verloren gingen, dafür gab er zum Opfer sich.

3) Er schonte den Verräter, ließ sich als Missetäter

verdammen vor Gericht, schwieg still zu allem Hohne,

nahm an die Dornenkrone, die Schläge in sein Angesicht.

4) So hat es Gott gefallen, so gibt er sich uns allen.

Das Ja erscheint im Nein, der Sieg im Unterliegen,

der Segen im Versiegen, die Liebe will verborgen sein.

5.) Wir sind nicht mehr die Knechte, der alten Todesmächte

und ihrer Tyrannei. Der Sohn, der es erduldet,

hat uns am Kreuz entschuldet. Auch wir sind Kinder und sind frei.

 

 

Predigt (Kreuzweg Jesus)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Jahrhunderte lang sind Christen in Jerusalem den Leidensweg Jesu nachgegangen. Auf der „via dolorosa“ – dem „schmerzhaften Weg“ – sind sie von der Burg Antonia bis nach Golgatha gepilgert – betrachtend, betend und büßend. Den Leidensweg Jesu ganz bewusst zu bedenken kann eine große Hilfe sein, um seine tiefe Liebe uns gegenüber zu verstehen und anzunehmen. Deshalb möchte ich mit Ihnen gemeinsam in dieser Predigt 14 Stationen des Kreuzweges Jesu in Gedanken gehen.

 

1. Station: Jesus wird zum Tod verurteilt

Pilatus weiß um die Unschuld Jesu, und er weiß um seine eigene Schuld. Er fürchtet eine Anklage beim Kaiser, er will keinen Ärger, kein Aufsehen, darum gibt er Jesus preis, hat seinen Vorteil im Blick, nicht die Wahrheit, nicht das Recht. Er überantwortet Jesus dem Tod und schenkt so neues Leben. Er begräbt die Hoffnung und gibt ihr so neue Nahrung. Die Totengräber werden zu Geburtshelfern wider Willen. Die Handlanger des Todes reichen dem Leben unwissentlich die Hand. Womit durch das Todesurteil Schluss sein sollte, das fängt Ostern gerade erst an.

Der, der seine Hände meint, in Unschuld waschen zu können, senkt den Daumen. Eine Geste der Herrscher. So etwas wie den Fall Jesus hatte Pilatus noch nicht erlebt. Er kannte Gefangene, die um ihre Freiheit bettelten. Doch Jesus tritt anders auf. Statt Unterwürfigkeit oder Zorn Ruhe und Gelassenheit. „Bist du ein König?“, fragt Pilatus. Und fragt sich selbst, warum er so fragt. Ist es die Zusammenfassung der Anklage oder doch die verborgene Sehnsucht nach einem wahren Herrscher, der Tyrannei, Unrecht und Gewalt beendet?

Doch diese Sehnsucht ist gefährlich, wenn sich die eigene Stellung gerade darauf stützt: Tyrannei, Unrecht, Gewalt. Die Sehnsucht muss zum Schweigen gebracht werden und mit ihr der Mensch, der sie verkörpert…

 

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf sich

Mit Schwertern und Lanzen sind die Soldaten auf alles vorbereitet. Der Befehl ist klar. Pflicht ist Pflicht. Kein Platz für Diskussionen, keine Zeit für Nachfragen: Vollstreckung, ohne Aufhebens.

Sie vollstrecken das Urteil, sie erfüllen ihre Pflicht.

Mit der Verhaftung begann der Prozess, ein Schauprozess, dessen Urteil schon vorher feststand. Doch der ist mit der Vollstreckung des Urteils noch lange nicht zu Ende. Die Mannschaft ist komplett angetreten. Selbst ernannte Könige bestrafen gefällt. Spott treiben mit denen da oben.

Doch wie ein König sieht der nicht aus, den die Bewaffneten herbeiführen. Eher zum Erbarmen. Zweifel regen sich. Doch schnell sind sie zerstreut. Die Show kann beginnen. Die Mannschaft ist komplett angetreten.

Jesus: Gefesselt, bespuckt, vom Kreuz gedrückt, mit schmerzverzerrtem Gesicht unter der Dornenkrone: Spuren unserer Schuld, unseres Spottes gegenüber Menschen und Gott.

 

3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Jesus stürzt. Unbarmherzig drückt der schwere Balken auf seine Schultern. Unbarmherzig zerren die Soldaten an ihren Stricken. Menschen waren und sind zu solchen und zu viel entsetzlicheren Qualen fähig.

Das Besondere an der Kreuzigung Jesu sind nicht die Schmerzen und Qualen. Was ist es aber dann, was diesen Tod zu mehr macht als zum Symbol für das Leiden der Menschen?

Jesus stürzt unter dem Kreuz – in seinem Tod stürzt er sich in einen Abgrund, wo Gott nicht mehr ist, er stürzt sich in die Gottverlassenheit. Durch seinen Tod bringt er Gott dahin, wo er bisher noch nicht war: in die Gott verneinende Nacht des Todes.

Deshalb ist Jesu Leiden einzigartig und unvergleichlich, weil er als Sohn Gottes im Augenblick seines Todes auch die Verlassenheit von Gott erleidet. Was für ein Trost: Seit Jesu Tod ist kein Mensch mehr von Gott verlassen, im Leben nicht, im Sterben nicht und selbst in seinem Tod nicht. Die Anwesenheit Gottes kennt keine Grenzen mehr.

 

Lied 81, 1.2 Herzliebster Jesu

1) Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen, dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen? 
Was ist die Schuld, in was für Missetaten bist du geraten?

2) Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet, ins Angesicht geschlagen und verhöhnet, 
du wirst mit Essig und mit Gall getränket, ans Kreuz gehenket.

 

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Eine der berührendsten Stationen des Kreuzweges. Jesus begegnet seiner Mutter. Hilflos und trostlos. Vielleicht fragt sie: „Warum?“ Der Gefragte ist Gott selbst, und die Frage entlässt ihn nicht aus der Verantwortung. Einen Sinn vermag Maria in dem Leid ihres Sohnes nicht zu erkennen, genauso wenig wie wir auch.

Und dennoch muss ich nach dem Warum fragen, weil ich daran glaube, dass nichts gegen Gottes Willen auf der Welt geschieht. Warum?

Der amerikanische Schriftsteller Julien Green hat eine Antwort, mit der wir uns der „Warum-Frage“ nähern können. In einem Interview angesprochen auf den frühen Tod seiner Mutter antwortete er: „Ja, Gott zerbrach mir mein Herz, aber alles, was Gott tut ist richtig. Manchmal zerbricht Gott einem das Herz, um in das Herz zu gelangen.“

Ein Satz, gesprochen aus einem tiefen Glauben, der manchmal auch ein tiefer Schmerz sein kann. Gesprochen aus einem Glauben, der nicht nur trösten, sondern auch weh tun kann. Gott, der einem das Herz bricht, um den Menschen zu erreichen. Das ist schwer zu ertragen. Auch für Maria.

 

5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Soldaten zwingen Simon von Cyrene, Jesus das Kreuz nachzutragen. Er beugt sich nieder, greift nach der schweren Last, die Jesus zu Boden drückte. Ein Fremder. Zur Hilfe gezwungen. Doch auf dem Kreuzweg ist er der Einzige, der Jesus zur Seite steht. Wo sind Petrus und die Apostel? Wo wären wir? Sagen wir: „Was geht mich das an“?

Simon von Cyrene bleibt eher im Verborgenen. Aber Jesus hat ihn gesehen. Ich glaube, von Jesus angesehen, musste Simon nicht mehr helfen, er wollte helfen. Er spürte keinen Zwang mehr, er handelte aus Barmherzigkeit.

Unsere Welt braucht Menschen wie Simon von Cyrene, barmherzige Menschen, die die Not anderer erkennen und entschieden zupacken. Und wir kennen ungezählte Menschen, denen es geht wie Simon von Cyrene. Ihre Berufung sehen sie in der Barmherzigkeit, im Dienst am Nächsten. Die Sozialhelferin, der Missionar, der Altenpfleger, die Krankenschwester. Freundschaft kann manchmal bedeuten, ein Kreuz mittragen zu helfen.

 

6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Sie fragt nicht danach, was die anderen Menschen denken. Mutig dringt Veronika durch die Menge und reicht Jesus das Schweißtuch. Sie gibt dem geschundenen Menschen ein Stück Würde zurück. Im Tuch prägt sich das Antlitz des Herrn ein. So wird der Liebesdienst Veronikas sichtbar.

Das Bild Jesu auf dem Tuch drückt Verbundenheit aus. Es geht darum, sich einbinden zu lassen in das Schicksal des anderen. Eins sein mit dem, der keine anderen Bindungen mehr hat. Für Veronika nur eine kleine Geste, für Jesus symbolisiert sie all das, wofür er das Kreuz auf sich genommen hat. Für Veronika nur eine kleine Geste, doch sie symbolisiert die Verbundenheit Gottes mit uns.

Veronika bricht aus dem bequemen Strom der Gleichgültigkeit aus. Sie hat Augen, die nichts übersehen; Ohren, die hellhörig sind; ein Herz, das sich berühren lässt; Hände, an denen man sich festhalten kann. Die Welt braucht zu allen Zeiten und an allen Orten solche Augen, solche Ohren, solche Herzen und solche Hände – solche Menschen. Menschen, die sich zum Beispiel in einem Hospiz über Sterbende beugen, ihren Kopf in die Hand nehmen, die Hände des Schwerkranken halten, Trost und Liebe spenden. Hände, an denen man sich festhalten kann. Überall können wir wie Veronika Christus begegnen.

 

Lied 85, 2&10 O Haupt voll Blut und Wunden

2) Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut

das große Weltgewichte:  wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet!  Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht'?

 

10) Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.

 

7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Wieder stürzt Jesus unter dem Kreuz. Haben die Soldaten Mitleid? Wollen sie ihn von der Last befreien?

Irrtum. Wunschdenken. Das Kreuz wird aufgerichtet, um es dem Geschundenen; dem, der nicht mehr kann, wieder aufzubürden. Die Soldaten sind keine Kreuzträger.

Dass Jesus wieder unter dem Kreuz stürzt, es wirft ein düsteres Licht auf Jesu Wort von der Kreuzesnachfolge: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein.“ Er meint diese Worte so, wie er sie sagt.

Da ist kein Ausweg, kein Schlupfloch. Ein bisschen nachfolgen, ein bisschen glauben – das geht nicht. Zur Kreuzesnachfolge kann auch gehören, unter dem Kreuz zusammenzubrechen. Gott kann es nur ganz geben und nicht in Teilen. Glauben kann ich nur mit dem ganzen Leben und dem ganzen Leiden und dem ganzen Sterben – und kann es auch wieder nicht, denn Nachfolge ist unendlich schwer, tut oft weh und misslingt ständig.

Doch eines können wir heute: Ehrlich sein. Sagen wir Gott, wie schwer uns die Nachfolge fällt, verschweigen wir nicht, wie oft wir scheitern. Angesichts Jesu, der unter dem Kreuz zusammenbricht, gilt nur noch Ehrlichkeit. 

 

8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Die Frauen reagieren so anders als die Schaulustigen und die Spötter, so anders als die Soldaten. Das Leid der Mitmenschen ist der Scheidepunkt unseres Lebens. Wie das Kreuz Karfreitag in der Mitte steht, so begegnen wir dem Leid mitten in unserem Alltag.

Doch wie reagieren wir darauf? Mit Schadenfreude, gleichgültig oder mit mitleidender Liebe und Hilfe? Wie wir reagieren, ist nicht egal, sondern eine zentrale Frage unseres Lebens.

Der Mystiker Carlo Carretto schreibt: „Gott gibt uns den Stachel ins Fleisch, damit wir spüren, was die Welt braucht.“

Leid als Aufgabe. Es erinnert uns daran, dass wir zur Liebe fähig sind. Dass die Welt und die Menschen unsere Liebe brauchen. Wenn wir am Leid der Menschen mitleiden, dann hilft unsere Liebe nicht nur den Leidenden, sondern auch uns selbst.

 

9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Er hat den Boden unter den Füßen verloren, das Gewicht des Kreuzes zwingt Jesus in die Knie. Haltlos wird er doch getragen. Wenn sich der Boden unter unseren Füßen auftut, wenn wir ins Rutschen geraten, keinen Halt finden, können wir doch nicht tiefer fallen als in Gottes Hände.

Jesus geht seinen Weg konsequent, er weicht den Tiefen nicht aus, nicht dem Tod, dem Tiefpunkt des Lebens. Gottes Liebe reicht auch bis in diese Tiefe und erhebt ihn – und auch uns – in die Höhe.

Ein Mensch am Ende seiner Kräfte. In seinem Zusammenbruch schreit die ganze Menschheit ihre Verzweiflung heraus. Der Balken, der ihn niederdrückt, ist der Fluch dieser Erde. Unsere Schuldenlast bringt ihn zu Fall.

Doch die Unbarmherzigkeit kennt immer noch keine Grenzen. Jesus ist am Ende, doch seine Peiniger sind noch nicht fertig mit ihm. Wieder auf! Worte können nicht beschreiben, was nur die verstehen, die es selbst erlitten haben: Ausgebrannt zu sein.

Wieder fällt Jesus unter der Last des Kreuzes. Wieder und wieder fallen auch wir. Jesus liegt am Boden. Der Leib zerschlagen, die Seele ermattet, hoffnungslos müde. So wird er zum Verbündeten aller Verzweifelten.

 

10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

Vor der gaffenden Menge vollständig entblößt, allem Persönlichen beraubt, auch das letzte Stück Stoff, das ihm gehört, seine letzte Würde – fortgerissen. Der geschundene Körper enthüllt. Wie eine Landkarte spiegelt er wider, was ihm Menschen antaten.

Jesus nimmt die letzte Schmach des Verbrechertodes auf sich. Er stellt sich zu denen, die nackt vor ihren Peinigern stehen, bloßgestellt als Schauobjekt der Schamlosen. Erniedrigter kann ein Mensch nicht sein. Er weiß, dass die Liebe Gottes äußeren Schutzes nicht bedarf. Nur diese Gewissheit lässt ihn auch diese Demütigung auf sich nehmen. Der bloßgestellte Jesus zeigt uns, dass in uns ein Raum ist, zu dem Gaffer keinen Zutritt haben, sondern die Verletzungen von uns abprallen. Da wohnt Gott in uns. Und die liebende, heilende Gegenwart Gottes umschließt uns wie ein Kleid. Nackt stellt sich Jesus zu den Nackten.

 

Lied 81, 3-5 Herzliebster Jesu

3) Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen; 
ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.

4) Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe! Der gute Hirte leidet für die Schafe, 
die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, für seine Knechte.

5) Der Fromme stirbt, der recht und richtig wandelt, der Böse lebt, der wider Gott gehandelt; 
der Mensch verdient den Tod und ist entgangen, Gott wird gefangen.

 

11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Festgenagelt an das Holz. Keine Fluchtmöglichkeit. Kein Bewegungsspielraum. Jesus ans Kreuz geschlagen mit Hammer und blanken Nägeln. Keiner holt ihn mehr herab. Ein paar Nägel reichen, den Menschen alle Freiheit und alle Hoffnungen zu rauben. Solche Nägel gibt es viele: Krebs und Aids sind oft Nägel, die keinen Spielraum mehr lassen. Mörderische Gewalt und tödlicher Hunger.

Ans Kreuz schlagen konnten nicht nur die Römer.

Jemanden ans Kreuz zu schlagen, können die Menschen bis heute. Oft schmerzen uns die Augen von dem, was wir sehen; tun uns die Ohren weh von dem, was wir hören; verstummt uns der Mund vor dem, was geschieht. 

Warum? Warum die Nacht um mich? Warum die Angst und der Tod? Warum?

Dem Tod ausgeliefert. Angst. Gott ausgeliefert. Trost. Weil Jesus sich der Todesangst auslieferte, dürfen wir hoffen, dass wir auch in den schlimmsten Ängsten Gott anvertraut sind.

 

12. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Worte können den Tod nicht erklären und nur selten trösten. Das Schweigen Gottes am Karfreitag, das Schweigen Gottes beim Tod jedes Menschen bleibt. Den Tod anzunehmen ist ein Akt des Glaubens, dem schweigenden Gott zu vertrauen.

In die Schatten des Todes fällt Licht. Es bleibt nicht alles dunkel. Das Dunkel bleibt, aber es ist auch Licht da. Seit Gott in Jesus Christus gestorben ist, ist auch der Tod kein von Gott verlassener Ort mehr. Vielleicht spüren wir Gott nicht immer und überall, doch seit Karfreitag dürfen wir darauf vertrauen, dass er gerade und besonders im Leid gegenwärtig ist. Und das er uns in unserem Sterben erwartet.

Mit dem Tod schließt sich der Kreis des Lebens – so kennen wir das. Doch ganz so stimmt das nicht. Es bleibt ein Spalt offen in diesem Kreis. Und durch diesen Spalt dringt das Licht des Ostermorgens in das Dunkel des Karfreitags, durch diesen Spalt dringt das Leben in den Tod.

 

13. Station: Jesus wird seiner Mutter in den Schoß gelegt

Wer sonst hätte um den toten Sohn trauern können, wer sonst hätte ihn noch einmal bergend, liebend in Armen halten können, wenn nicht Maria. Den Schmerz, den wir empfinden, wenn Eltern ihr Kind begraben müssen, diesen Schmerz müssen wir heute aushalten – auch wenn es nichts Schlimmeres geben kann. Den Schmerz, den Eltern empfinden, die am Grab ihres Kindes stehen. Wenn eine Mutter oder ein Vater ihr Kind beweinen müssen, stimmt etwas nicht. Dann ist die Ordnung auf den Kopf gestellt. Wenn Eltern ihr Kind beweinen, dann hält sich der Tod nicht an die Regeln, tritt zur Unzeit ein, lässt uns fassungslos zurück.

Rainer Maria Rilke schrieb 1912 in seinem „Marienleben“: „Jetzt wird mein Elend voll - und namenlos erfüllt es mich. Ich starre wie des Steins Inneres starrt. Hart wie ich bin, weiß ich nur eins: Du wurdest groß, um als zu großer Schmerz ganz über meines Herzens Fassung hinauszustehen. Jetzt liegst du quer durch meinen Schoß, jetzt kann ich dich nicht mehr gebären.“ 

 

 

14. Station: Jesus wird ins Grab gelegt

Jesus ist begraben. Der Leichnam in Tücher gehüllt, in einer Felshöhle verborgen. Ruhe.

Friedhofsruhe. Endgültig Abschied nehmen. Loslassen. Nichts ist mehr zu sagen, nichts mehr zu hören. Alles Geschrei, alle Schmerzen sind an ihr Ende gekommen. Menschenmögliches kann nicht mehr getan werden. Was bleibt von ihm? Nur die Erinnerung? Wann wird er vergessen sein? Wer wird von ihm sprechen? Der am Ende so offensichtlich gescheitert ist? Ist auch die Hoffnung an ihr Ende gekommen? Oder ist das Leben nicht doch stärker als der Tod?

Tiefe Trauer um die Toten seit es Menschen gibt. Tiefe Trauer um Jesus. So kann doch nicht alles enden. Irgendwo muss es Tag sein für die Menschen der Nacht, die durch den Tunnel der Verzweiflung gehen. Sind Gräber „Geburtsorte“ neuen Lebens? Durchgang vom Schatten zum Licht?

Irgendwo muss Auferstehung sein - auch heute für dich und für mich. Auf der Suche nach Wegen durch das Tal der Tränen halten wir Ausschau nach Leben. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschlichen Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigt Karfreitag, 2.4.2021
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Ostern 2021

Bibeltext der Woche: Markus 16, 1-8

Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und den Leichnam Jesu zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen vor dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.

 

Lied der Woche: EG116 Er ist erstanden, Halleluja

1) Er ist erstanden, Halleluja! Freut euch und singet, Halleluja!

Denn unser Heiland hat triumphiert, all seine Feind gefangen er führt.

 

Refrain:

Lasst uns lobsingen vor unserem Gott, der uns erlöst hat vom ewigen Tod.

Sünd ist vergeben Halleluja! Jesus bringt Leben, Halleluja!

 

2) Er war begraben drei Tage lang. Ihm sei auf ewig Lob, Preis und Dank;

denn die Gewalt des Tods ist zerstört; selig ist, wer zu Jesus gehört.

Refrain

 

3) Der Engel sagte. „Fürchtet euch nicht! Ihr suchet Jesus, hier ist er nicht.

Sehet, das Grab ist leer wo er lag: er ist erstanden, wie er gesagt.“

Refrain

 

4) „Geht und verkündigt, dass Jesus lebt, darüber freu sich alles, was lebt.

Was Gott geboten, ist nun vollbracht, Christ hat das Leben wiedergebracht.“

Refrain

 

5) Er ist erstanden, hat uns befreit, dafür sei Dank und Lob allezeit.

Uns kann nicht schaden Sünd oder Tod, Christus versöhnt uns mit unserm Gott.

Refrain

 

 

 

Predigt (Jesaja 25, 6-9)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Das Lachen ist uns in diesem Jahr zu Ostern irgendwie vergangen. Der härteste Lockdown seit der Pandemie sollte gelten, die Tage ab Gründonnerstag waren als Ruhetage geplant, das sollte auch für die erhofften Ostergottesdienste gelten. Diese Osterruhe wurde zwar zurückgenommen, aber dennoch schauen wir auf die Inzidenz – werden wir die 100 überschreiten und müssen unsere Pläne für Gottesdienste und Treffen revidieren? Die österliche Freude – fällt sie in diesem Jahr auch wieder aus?

            Nach mehr als einem Jahr der Pandemie finde ich das Osterfest aber umso wichtiger als in vielen anderen Jahren. Ostern zeigt uns, dass der Tod das Leben nicht endgültig besiegt. Ostern schenkt uns Grund zur Freude, die über diesen einen Tag hinausgeht. Deshalb: Feiern wir Ostern allen Widerständen zum Trotz getrost und voller Freude, denn das Leben siegt. Das gilt - auch für uns und auch in diesem Jahr!

Ein Ausdruck der österlichen Freude war im Mittelalter die fröhliche Predigt am ersten oder zweiten Ostertag. Die Menschen sollten herzhaft lachen können und so die Traurigkeit der Passionszeit vertreiben. Mit dem Osterlachen wurde der Sieg über den Tod und die Hölle gefeiert.

            Es wird von einem Prediger berichtet, der sich an einem Ostersonntag an alle in der Kirche versammelten Männer richtete mit der Aufforderung: „Wer von euch Herr im Haus ist, soll den Ostergesang „Christ ist erstanden“ anstimmen.“ Aber die Kirche blieb still. Daraufhin wandte sich der Prediger mit der gleichen Bitte an die Frauen: „Wer von euch Herr im Haus ist, soll den Ostergesang „Christ ist erstanden“ anstimmen.“ Und prompt erscholl der Hymnus aus den Kehlen fast aller anwesenden Frauen. Sie können sich wohl vorstellen, wie groß das Gelächter in der Kirche damals war!

            Beim Osterlachen geht es nicht darum, andere Menschen bloßzustellen oder sie zu kränken, wie es manchmal beim Erzählen von Witzen passieren kann. Aber dass Lachen gesund ist, dass Lachen befreit, das wissen wir alle. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat den Humor einmal den „Milchbruder des Glaubens“ genannt und erklärend hinzugefügt: „Wenn ein Mensch nur Glauben hat, steht er in Gefahr bigott zu werden. Hat er nur Humor, läuft er Gefahr, zynisch zu werden. Besitzt er aber Glaube und Humor, dann findet er das richtige Gleichgewicht, mit dem er das Leben bestehen kann.“

            Und der katholische Priester Don Bosco hat zu Recht einmal gesagt, dass der Teufel Angst habe vor fröhlichen Menschen. Der Satan sei auch deswegen gefallen, weil er sich selbst zu ernst nahm.

            Deshalb, liebe Gemeinde, können wir Ostern als das Fest der Überwindung des Todes und auch der Überwindung des Teuflischen in unserer Welt eigentlich nur so feiern, dass wir uns nicht ständig allzu ernst nehmen, sondern merken, dass es immer wieder etwas zum Lachen und Schmunzeln bei uns gibt.

            Von solcher Fröhlichkeit spricht auch der Prophet Jesaja. Hören wir, wie er beschreibt, was einmal sein wird, wenn der Tod für uns alle nicht mehr sein wird:

            „Der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Wein, darin keine Hefe ist. Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichten und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen; denn der Herr hat´s gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.“

            Liebe Gemeinde, für die Menschen zur Zeit des Jesaja war das alles nur Zukunftsmusik. Die Auferstehung Jesu war ja noch nicht geschehen, deshalb wussten sie nicht, was es bedeuten sollte, dass Gott den Tod auf ewig verschlingen wollte.

            Und wie ist das für uns heute? Ist die Auferstehung vom Tod für uns Zukunftsmusik oder Vergangenheit? Wünschen wir uns nur die Auferstehung oder rechnen wir auch damit? Ist sie nur ein Trost, um unsere Angst vor dem Tod wegzuschieben, oder ist es eine Realität?

            Vom französischen Bischof Thillier, der im 18. Jahrhundert von Marseille nach Korsika segeln musste, wird erzählt, dass er, als sein Schiff in Seenot geriet, ängstlich einen der Matrosen fragte: „Sind wir in Gefahr?“ Der Matrose antwortete: „Das will ich meinen! Wenn der Sturm nicht nachlässt, sind wir alle in spätestens zwei Stunden im Paradies.“ Daraufhin rief der fromme Bischof entsetzt: „Gott bewahre uns davor!“

            Das, liebe Gemeinde, hat der Bischof ja wohl hoffentlich nicht ernst gemeint: Vor dem Paradies soll Gott uns bewahren? Darauf hoffen wir doch alle und wir sehnen uns nach Liebe, nach Frieden; wir sehnen uns danach, dass wir wieder gesund werden; wir sehnen uns danach, dass manch unsäglicher Streit endlich aufhört und alles vergeben und vergessen ist. Und wir sehnen uns danach, dass endlich der Tod aufhört und das Weinen und die Trauer und all das, was uns belastet. Und wir sehnen uns auch danach, endlich den Sinn des Lebens zu verstehen und Gott sehen zu können.

            Und heute sagt uns die Osterbotschaft: All das, was auch der Prophet Jesaja angekündigt hat, ist nicht mehr nur Zukunftsmusik. Wenn wir dem Bericht der ersten Auferstehungszeugen Glauben schenken, dann ist Ostern wirklich etwas umwerfend Neues geschehen. Es war diesen Zeugen ja so existentiell wichtig, dass sie dafür das Risiko auf sich nahmen, ihren Beruf und ihre Existenz aufzugeben, ja sich sogar der Gefahr von Verfolgung auszusetzen, nur um anderen Menschen diese frohe Botschaft sagen zu können: „Gott hat Jesus von Nazareth vom Tod auferweckt. Gott hat dem Tod die Macht genommen!“

            Noch, liebe Gemeinde, noch gehören der Tod, das Getrenntwerden, die Trauer zu unserem Alltag dazu. Aber wenn wir Ostern ernst nehmen, dann müssen wir uns nicht mehr so vor dem Tod fürchten. Der Schauspieler Sir Peter Ustinov, hat einmal gesagt: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, weil ich auch keine Angst vor der Geburt hatte – soweit ich mich erinnere!“

            Der Tod, so meinte Ustinov, gehört zum Leben dazu wie die Geburt, deshalb ist es unnötig, sich davor zu fürchten. Im Hinblick auf Ostern kann man aber auch hinzufügen: Der Tod verliert seine Bedrohung, weil an seine Stelle die Auferstehung als Hineingeborenwerden in ein neues Leben getreten ist.

            Wenn wir auf Ostern schauen, dann können wir darauf vertrauen, dass Gott uns immer dann hilft, wenn unser Leben in eine Sackgasse geraten ist. So wie er seinen Sohn Jesus Christus aus dem Tod in das Leben geleitet hat, so wird er auch uns geleiten. Gerade da, wo wir stürzen, wo wir scheitern, wo wir mit Krankheiten und Sorgen zu kämpfen haben, da kann das Vertrauen auf den Gott, der Leben schafft, wichtige Kräfte freisetzen. Da können wir erfahren, wie wir immer auch gehalten und durchgetragen werden. Wir Christen glauben darum nicht nur an eine Auferstehung von den Toten, sondern auch an die viele Auferstehungen von den vielen Toden, die wir bereits hier mitten im Leben erleiden. Die Osterbotschaft gibt darum unserem Leben hier ein Ziel und unserem Alltag stets eine Hoffnung. Seit Ostern gibt es für uns Christen nicht mehr nur die Seite, wo das Leben ist und die andere Seite wo alles tot ist. Wir sehen auch die kleinen Tode, die unser Leben, unser Zusammenleben bedrohen. Und wir glauben, dass es auch jenseits des Todes Leben gibt.

            Unser Osterglaube setzt jedoch voraus, dass wir mit dem Wirken des Leben schaffenden Gottes auch rechnen, dass wir damit rechnen, dass auf den Tod auch wieder Leben folgen kann. Zu Ostern freuen wir uns darüber, dass der Herr auferstanden ist. Dass er wahrhaftig auferstanden ist. Denn die Prophezeiung des Jesaja ist dadurch Wirklichkeit geworden: Jesus hat als Gottes Sohn den Tod besiegt. Deshalb gilt auch für uns: Gott wird den Tod verschlingen auf ewig. Er wird die Tränen abwischen und aufheben die Schmach seines Volkes.

            Die große Auferstehung, liebe Gemeinde, bei der Gott uns alle auferwecken und heilen wird, wo endgültig alle Tränen abgewischt werden, diese große Auferstehung ist noch nicht da. Darauf müssen wir noch warten. Aber wir sollten darauf achten, dass wir bei all unseren Sorgen - besonders auch in dieser Zeit der Corona-Pandemie - so manche kleine Auferstehung, mit der Gott heute schon unser Leben hell und froh machen möchte, nicht verschlafen.

            Wir dürfen und wir sollen darum schon heute Gott loben und danken mit den Worten des Jesaja: „Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.“

            Christus ist auferstanden! Gelobt sei Gott! Halleluja!                          Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt Ostersonntag 4.4.2021
Ostern 2021.pdf
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